Vom Abgrund und der Schöpfungsebene

Gestern bin ich lesend wieder einmal über das "im Jetzt sein" gestolpert. Mir fällt auf, dass mir dabei immer ein bisserl schlecht wird.


Seit Jahren ist die große Jetzt Welle im Gange und mit ihr schwappt die verführerische Illusion daher, dass, wenn ich im Jetzt bin, alles super schön und ganz in Liebe ist.

 

Habe ich keine tollen Gefühle, bin ich nicht im Jetzt, so der fatale Umkehrschluss.

 

Dieser Gedanke hängt schief und es ist mir ein Anliegen, ihn zu so zu richtigen, dass er gerade steht, weil er ist richtig wichtig!

Das Jetzt ist ja immer da!

 

Als Menschen haben wir durch unser momentanes Bewußtsein die Möglichkeit, das was Jetzt ist wahrzunehmen und auszudrücken. Das heißt, ein Teil von uns kann wahrnehmen, was unsere Seele jetzt gerade denkt, fühlt oder will, was unsere Sinne an Eindrücken empfangen, was unser Körper an Impulsen und Empfindungen erlebt und wie unser Geist mit den anderen Bewußtseinsebenen und Welten in Verbindung steht.

 

Wahrnehmen ist eine innere, seelisch-geistige Bewegung, ein Prozess gerichteter Aufmerksamkeit.

Ausdrücken ist körperliche Bewegung, die seelisch-geistige Bewegung sichtbar, hörbar, sinnlich erfahrbar macht.

Im Jetzt sein heißt also in Bewegung sein.

Das Jetzt als Ort des immerwährenden Glücks gibt es nicht, weil Wahrnehmen und Ausdrücken Bewegungen sind und sie sich hier auf der Erde in der Zeit abspielen. Sie sind ein Art Gefährt. Aber wohin und wozu?

 

Das Wahrnehmen und Ausdrücken vom Jetzt ist Übungssache und eine Frage der inneren Ausrichtung.

Wenn ich eine klare Ausrichtung habe, wenn ich etwas will, mich nach etwas sehne, bekommt die Bewegung eine Richtung. Das ist insofern von Bedeutung, weil ich ohne Ausrichtung eine Art beziehungsloser Selbstläufer werde, der sich in den unendlichen Weiten des Jetzt verliert.

 

Aber zum Glück wollen wir alle etwas: vielleicht Erleuchtung, allumfassende Verbundenheit, Liebe und Freude oder einfach gut essen!

Praktisch üben heißt:

 

Nehme ich jetzt wahr, was ich jetzt will, ersehne, erhoffe, ...?

 

Nehme ich jetzt etwas wahr von dem, was ich jetzt sehe, höre,
rieche, schmecke, atme, halte, verkrampfe, entspanne, ... ?

 

Nehme ich jetzt gerade wahr, was in mir an Gefühlen, Impulsen,
Stimmungen, Gedanken, inneren Stimmen, ... da ist?

 

 

Manchmal ist das Freude, Lachen, Lust, Glück ... Oft nehme ich den Widerstand gegen das Wahrgenomme wahr und fühle Stagnation und Leere. Dann wieder löst dieses Wahrnehmen Zorn, Trauer, Hass, Angst, Scham, Unangenehmes, Schmerzhaftes, Peinliches, Verwirrendes, .... in mir aus.

 

Das Jetzt kann alles sein, vom größten Glück, dass ich nicht mehr loslassen bis hin zur ärgsten Zumutung, die ich auf der Stelle loshaben will!

 

Im Jetzt wird genau der Riss erfahrbar, der sich zwischen mir und dem was ich ersehne auftut.

Wenn ich das Jetzt wahrnehme und dem ganzen tollen oder blöden wahrgenommenen Jetzt in seinem Ausdruck Interesse entgegen bringe, komme ich als ganzer Mensch in Bewegung.

Ich muss das, was jetzt ist, nicht mögen.

Ich muss nicht Ja dazu sagen, es nicht annehmen oder loslassen.

 

Interessiert lasse ich mich von dieser inneren und äusseren Bewegung überraschen.

Interesse ist ein unglaublicher Beschleuniger!

 

Dabei kommt auch das was ich gerade bin, was ich will und wonach ich mich sehne in Bewegung.

So schön oder schiach, wütend, fröhlich, ängstlich oder schmerzhaft sich das Wahrnehmen und Ausdrücken von dem was gerade ist auch anspürt und darlebt, genau dieses Jetzt ist mein Gefährt(e) das den Riss, den Abgrund zu durchqueren hilft!

 

Überraschenderweise ist der Abgrund gleichzeitig die Schöpfungsebene, denn genau da entsteht das Neue, passiert Entwickelung und Verwirklichung.

 

Ich bewege mich im Jetzt in einem Werdestrom ... immer wieder werden, ... der Ich bin ... ist Liebe!


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